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Poezii Romnesti - Romanian Poetry

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Ein Buch im Dienste des eingekerkerten Geistes
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[Delagiarmata ]

2014-05-23  | [ // deutsch]    | 



Katharina Kilzer / Helmut Mller-Enbergs (Hg.): Geist hinter Gittern Die rumnische Gedenksttte Memorial Sighet; Frank & Timme GmbH Verlag fr wissenschaftliche Literatur Forum Rumnien, Berlin 2013; ISBN 978-3-86596-546-2; ISSN 1869-0394; 213 Seiten; EUR 29,80; www.frank-timme.de

Im April 2000 nahmen im Frankfurter Palais Yalta drei Mnner und eine Frau an einer Podiumsdiskussion teil. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frau, oder besser gesagt, ihr Werk. Lebenswerk wre der Sache schon darum nicht gerecht, weil die Frau erklrte: Memorialul Sighet şi tot ce se ntmplă acolo nu este, din punctul nostru de vedere, un drum spre trecut, ci unul spre viitor. Also das Memorial Sighet ist ein der Zukunft zugewandtes Projekt, dass sich immer neu erfinden muss, um eine schreckliche Periode der rumnischen Geschichte nie verstauben zu lassen.

Diese Frau, der Rumnien, Europa, ja die ganze Welt diese Gedenksttte in dem nordsiebenbrgischen Stdtchen Sighet verdankt, ist Ana Blandiana. Die gefeierte Dichterin und ihr Mann, der Schriftsteller Romulus Rusan, waren die treibende Kraft zum Errichten der Gedenksttte ber die Greuel des Kommunismus. Und diese Kraft schpfen sie heute (2014) noch aus den gleichen ngsten wie Elchanan Rosenbaum, der New Yorker Psychotherapeut und Lehrer, dessen Wiege (wahrscheinlich) genauso wie die seines literarischen Schpfers Elie Wiesel in eben jenem Sighet (fiktiv Fehrfalu Biserica Alba) stand, wenn er betete: Gott der Barmherzigkeit, strze mich nicht in jenen Abgrund, wo alles Leben, jede Hoffnung und alles Licht vom Vergessen verschlungen wird. Gott der Wahrheit, denke daran, da die Wahrheit ohne Erinnerung zur Lge wird, weil sie nur die Maske der Wahrheit annimmt. (Elie Wiesel: Der Vergessene, Roman).

Die Gesprchspartner Ana Blandianas waren damals Werner Adam von der FAZ, Gerhardt Csejka, aus Rumnien stammender Essayist und bersetzer, und kein Geringerer als der jetzige Bundesprsident Joachim Gauck, damals Bundesbeauftragter fr die Stasi-Unterlagen. Am 14. April 2000 verffentlichte ROMNIA LIBERĂ eine von der FAZ-Mitarbeiterin Katharina Kilzer gestaltete Seite (RL ist auch von den Ausmaen her eine groe Zeitung), die einen Teil dieser Gesprche in rumnischer Sprache festhlt.

Jetzt liegt eine deutsche Schriftensammlung ber die rumnische Gedenksttte Memorial Sighet vor. Auch sie wurde von Katharina Kilzer, zusammen mit Helmut Mller-Enbergs, redigiert. Beide sind auch die Herausgeber dieses Sammelbandes mit Artikeln, Essays und Referaten. Das Buch ist in zwei Blcke aufgeteilt: Die Gedenksttte und Beitrge ber den rumnischen Kommunismus. Dazu gibt es zwei Nachworte und einen so ausfhrlichen Anhang, dass schon bei seinem Anblick die hartnckigsten Plagiatjger zurckschrecken knnten.

In der blichen Einfhrung erlutern die Herausgeber den Zweck dieser Verffentlichung: Zum zwanzigsten Jahrestag der Gedenksttte wollen wir, die regelmig an den Symposien und der Sommerschule in Sighet teilnehmen, Einblicke in diese Erinnerungsarbeit in die Schule des Gedchtnisses, wie es einleitend heit ermglichen und von dem Wirken der vergangenen Jahre erzhlen.

Der erste Block beginnt mit dem Essay Die Schule des Gedchtnisses. Ana Blandiana beantwortet darin die Frage: Warum gerade Sighet? Ihre ausfhrliche Begrndung erwhnt auch die Deportation der Juden im April 1944 und das Geburtshaus des Nobelpreistrgers von 1986, Elie Wiesel, das heute in Sighet Museum und Erinnerungssttte ist.

Stphane Courtois und Patrick Moreau stellen Das Memorial Sighet vor. Sie berichten detailliert ber die Ttigkeiten der Gedenksttte es wird dort viel gearbeitet, nicht nur ausgestellt und deren Wirkung in die ffentlihkeit.

Dass es bei einem solchen Projekt nicht mit einem In-die-Hnde-Klatschen abgetan ist, kann sich jeder leicht vorstellen - besonders wenn man wei, wie starrhalsig die Altkommunisten in Rumnien heute noch sind. Romulus Rusan erzhlt die Geschichte der Gedenksttte fr die Opfer des Komunismus und des Widerstands. Ja, ja, es gab wie vermutet Stolpersteine noch und ncher.

Der Historiker Alexandru Zub erlutert, dass Eine Institution fr Rumnien wie das Memorial Sighet auch ein Ort zum Publizieren und Aufbewahren von Bchern zu diesem leider unerschpflichen Themenkomplex ist.

Dennis Deletant erzhlt von seinen persnlichen Erlebnissen an der Sommerschule das ist eine lbliche Seminarreihe, mit der Jugendliche an die dunkle Geschichte des Kommunismus herangefhrt werden und unterstreicht, dass dort Im Geist der Vergebung, nicht des Vergessens Geschichte vermittelt wird.

Katharina Kilzers Essay Vom Unort zum Gedchtnisort ist ein Augenffnen ber unsere, der Erlebnisgeneration, Ahnungslosigkeit: Als Tarnung fr das Unrecht hinter den Gefngnismauern hatten die Behrden seit 1973 jhrlich ein Poesiefestival in Sighet organisiert, ein patriotisches Festival, das sich nach und nach, da es fernab des Machtzentrums der Kommunisten von Bukarest lag, zu einer ungezwungenen Literaturveranstaltung entwickelte. Kommunistischer Zynismus hoch drei, kann man da nur kopfschttelnd sagen.

Der zweite Herausgeber, Helmut Mller-Enbergs, unternimmt in 15 Bildern einer Ausstellung (Modest Mussorgski komponierte 10) eine Wanderung durch die Geschichte des rumnischen Kommunismus. Natrlich entfernt er sich nicht vom Ort der ehemaligen Gefngnisanstalt. Er geht blo von Saal zu Saal, Zelle zu Zelle. Und er erfhrt die zukunftsweisende Ausrichtung dieses Memorials: Schon morgen mag ein Exponat hinzukommen, ein Zeitzeuge sich zu Wort melden oder neue Analysen andere Horizonte erlauben. Das zu bercksichtigen, die Ausstellung in den Slen den jeweiligen Bedrfnissen und Bedingungen anzupassen, macht das Gefngnis lebendig auch in der Nummerierung der Sle.

Karl-Peter Schwarz weist auf die ntige Aufmerksamkeit, die dieser Gedenksttte auch im Ausland gebhrt, hin, denn Rumnien war nach dem Krieg buchstblich verstummt. Diese weitverbreitete Sprachlosigkeit hat auch Individuen (und nicht gerade wenige) generiert wie den hier zitierten vom Autor mit Namen Securitateoffizier, der den Verantwortlichen der Gedenksttte Erinnerungsstcke aus der Zeit seiner Ttigkeit im Gefngnis zum Verkauf anbot und das nicht einmal zu einem Schnppchenpreis. Solche Typen wnscht man sich gerne In die schwarze Zelle. Sie profitieren auch heute schamlos von den Gesetzen eines Rechtsstaates und stellen ihre Schergenvergangenheit offen und zynisch zur Schau.

Der Kampf gegen das Vergessen Oder: Die Leuchttrme im Ozean der Vergesslichkeit nennt Hans Bergel seine Wrdigung Ana Blandianas. Aus Poesie auferstandenes ziviles Engagement. Um die zu Recht ber die Dichterin geuerte Anerkennung zu unterstreichen, haben die Herausgeber eines ihrer Gedichte eingefgt: Piet.

Einen interessanten Beitrag hat Ulrich Burger ber seinen Weg Von Moskau nach Sighet geschrieben. Wir werden Zeuge vom Werden eines Wissenschaftlers und der nicht unbetrchlichen Rolle, die das Memorial Sighet dabei gespielt hat.

Dass ohne internationale Zusammenarbeit diese Gedenksttte nicht funktionieren kann, unterstreicht Tatiana A. Pokivailova in ihrer Analyse Die Gedenksttte in meinem Gedchtnis.

Auch Pierre Hassner widmet einen kurzen Beitrag dem Gedenken der Vergangenheit. Ihm ist wichtig, dass die Gedenksttte in Sighet [] die Schicksale dieser Menschen mit Nchternheit, ohne berflssige Kommentierung gesammelt hat.

Der zweite Textblock dieses Sammelbandes beginnt mit einem sehr ausfhrlichen Aufsatz Ulrich Burgers: Zwischen Prioritten und Realitten. Die Mark Ethridge-Mission im Herbst 1945. Wenn man diesen Beitrag liest, stellt man doch sehr viele hnlichkeiten zur gegenwrtigen Situation in der Ukraine fest: Die Amerikaner und Europer ben sich in Diplomatie, whrend die Sowjets/Russen Fakten schaff[t]en.

Die Folgen der Studentenrevolte im Herbst des Jahres 1956 nimmt Ioana Boca unter die Lupe. Immerhin, ein zartes Pflnzchen Zivilcourage und etwas revolutionrer Geist rhrten sich auch damals schon in Rumnien. Ioan Holander, der ehemalige Direktor der Staatsoper in Wien, wei darber viel zu berichten. Er war in Temeswar dabei. Vielleicht ldt man ihn ja mal ein zur Sommerschule.

Mit dem Essay Zwischen Verzweiflung und Widerstand kommt Ana Blandiana wieder zu Wort. Sie versucht, diese schwierige Gratwanderung mit vielen Anekdoten auch durchaus lustige zu bewltigen. Mit Erfolg, kann man sagen.

Vladimir Bukovski ist mit einem selbstkritischen Text so habe zumindest ich ihn empfunden vertreten. In Die Ereignisse, die uns formten bt er aber auch Kritik am Westen: Dann entdeckte ich in den Archiven, dass die Mehrheit der politischen Krfte aus dem Westen mit Moskau kollaborierte. Einige geheim, andere durch den KGB, andere noch direkter. Tja, so ist das halt mit dieser Doppelmoral. Wir werden sie scheinbar nie los.

Wissen, wo die Grber liegen, will Edward Kanterian. Dazu macht er eine Analyse der Aufarbeitung des rumnischen Kommunismus im ersten Jahrzehnt nach dessen Untergang. Und er kommt zu folgendem Schluss: Eine der wichtigsten Institutionen der rumnischen Vergangenheitsbewltigung ist Denkmal und Forschungssttte in einem: das von Ana Blandiana und ihrem Ehemann Romulus Rusan in privater Initiative gegrndete Internationale Studienzentrum des Kommunismus, zu dem das Sighet-Mahnmal gehrt.

Wenn Romulus Rusan in seinem Nachwort Aus dem Meer der Bitterkeit schpft, dann wei er, und nicht nur er, dass mehr als Zahlen das jeweils eigene Leid gilt. Und das ist sehr schwer nachempfindbar.

Sven-J. Irmer erinnert in seinem Nachwort an die fruchtbare Zusammenarbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Fundaţia Academia Civică. Es liegt in beider Interesse, gegen das Vergessen zu kmpfen und zugleich das Morgen fest im Griff zu haben.

Damit ist dieses Buch, mit allen einem solchen Sammelband eigenen Strken und Schwchen, zu Ende geschrieben. Sein Thema aber, das Wachhalten der Erinnerung an den Kommunismus, darf nie enden. Vor dem Verblassen unseres Erinnerungsvermgens sollte uns eine regelrechte Phobie wie die Elchanan Rosenbaums in stndiger Unruhe halten. Dieses Buch kann uns dazu verhelfen.

Nicht unerwhnt sollen die vielen Schwarz-Wei-Fotos in diesem Band bleiben, wie auch das Autorenverzeichnis mit skizzierten biographischen Daten.

Der Rckumschlag des Buches enthlt neben einem Expos auch Hinweise auf die beiden Herausgeber:
Katharina Kilzer, *1959; in Rumnien geboren; Mitarbeiterin der FAZ; Mitglied der Fundaţia Academia Civică; seit 1996 Teilnehmerin an den Symposien und der Sommerschule in Sighet; Organisation der Ausstellung ber das Memorial Sighet in mehr als zehn Stdten der Bundesrepublik Deutschland.
Helmut Mller-Enbergs, *1960, Dr. Phil.; wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Stasi-Unterlagenbehrde in Berlin; nimmt seit 1995 an den Symposien und der Sommerschule in Sighet teil; gehrt seit 1999 dem Beirat der Fundaţia Academia Civică an.

(Katharina Kilzer hat neben Rita Schorpp und Ulrich Burger auch das Gros der angefallenen bersetzungen bernommen. Und das gleich aus drei Sprachen.)

Informationen zum Memorial Sighet gibt es auch online.

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